Mal was anderes unterm Röntgenstrahl …!
Eher ungewöhnliche Prüfobjekte erhielt das Prüflabor der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Nord (SLV Nord) in Hamburg, deren eigentliche Hauptaufgabe die Untersuchung von Schweißer- und Verfahrensprüfungen sind, unlängst vom Archäologischen Museum Hamburg, dem Helms-Museum mit der Bitte um Unterstützung, vorgelegt.

Im Gipsblock zeigen sich ein Halsring, ein Ohrring, eine rechteckige Brosche und zahlreiche Glasperlen.
Es handelt sich hierbei um rund 50 Gipsblöcke, in denen sich archäologische Funde von einer Ausgrabung bei Neu Wulmstorf-Elstorf befinden. Das Museum führt dort seit 2006 eine Ausgrabung auf einem spätsächsischen Gräberfeld durch und untersucht dabei mehrere hundert Bestattungen aus der Zeit zwischen 650 und 900 n. Chr. Manche der Toten erhielten Beigaben ins Grab gelegt, die zu ihrer Tracht gehörten. Meistens sind dies Messer und Schnallen, die sowohl Männer als auch Frauen am Gürtel trugen. In den Frauengräbern finden sich gelegentlich auch Glasperlen oder anderer Schmuck.
Die rund 1200 Jahre alten Funde aus Metall sind leider durch die lange Bodenlagerung massiv in Mitleidenschaft gezogen, selbst mit feinstem Grabungswerkzeug läuft man ständig Gefahr, sie einfach wegzukratzen. Sonne und Wind tun dann leicht ein Übriges. Der oft schon sehr fragile Zustand der Funde zwingt das Grabungsteam, die Objekte an Ort und Stelle in einem Erdblock stehen zu lassen und diesen einzugipsen. In den Gipsblock werden zwei Nägel gesteckt, die dreidimensional eingemessen werden, so dass sich nachträglich ermitteln lässt, wie das Fundstück in Bezug zum Grab gelegen hat.

Das Grab während der Ausgrabung. Deutlich sind Grabgrube und Sargkante zu erkennen. Im Kopfbereich schauen der Halsring und ein paar Perlen aus dem Erdboden; im Hüftbereich liegen zwei Erdblöcke mit Funden, die später eingegipst werden.
Auf diese Weise gesichert und dokumentiert kommen die Funde nun also zur SLV Nord in die digitale Radioskopie und werden dort durchleuchtet. Für die Prüfer der SLV Nord war es auch etwas ganz besonderes, mal keine Schweißnähte, sondern fragile Gipsblöcke zu durchstrahlen. Die routinierten Prüfer konnten nur diesmal nicht die Bilder auswerten, sondern ließen sich das gesehene durch Mitarbeiter des Helms-Museum erklären. Die Zielsetzung der Durchstrahlung dabei ist zweifacher Art. Zum einen bietet das Röntgenbild dem Restaurator klare Anhaltspunkte dafür, was ihn erwartet und wie er bei der Bergung vorzugehen hat. Lassen sich manche der Funde von Vornherein ausreichend klar bestimmen, so kann dass auf die aufwändige und zeitraubende restauratorische Bearbeitung, die mehrere Dutzend Stunden pro Objekt in Anspruch nehmen kann, verzichtet werden. Das ist etwa bei den eisernen Messern der Fall, die sich im Röntgenbild klar und deutlich abzeichnen. Solche Funde können dann einfach im Gipsblock eingefroren werden, was ihrer weiteren Erhaltung am Zuträglichsten ist.
Bei den ersten Röntgenversuchen hat sich nun außerdem ein völlig neuer Aspekt ergeben. Denn zu unserer großen Überraschung scheinen sich im Röntgenbild auch organische Funde abzuzeichnen, die im Gipsblock nur als Dichteunterschied im Sandboden erhalten blieben. Beim Öffnen des Gipsblocks wird der Restaurator dort sicher überhaupt nichts Stoffliches mehr finden. So bringt das Röntgenbild sogar noch Funde zum Vorschein, die es eigentlich gar nicht mehr gibt.
Dr. Jochen Brandt, Helms-Museum
Sven Knochenmuß, SLV Nord
Datum: 04.08.2010




